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Bei Dr. Stephi auf der Couch

Man mag es nicht glauben, aber ich kenne doch noch andere Menschen neben Dominique. Teilweise sogar schon wesentlich länger als sie. Und auch die sind mir irgendwie wichtig und auch mit denen rede ich gerne. In letzter Zeit aber eben doch überwiegend über Dominique. Eine solche Person ist meine Freundin Stephanie, die Psychologie studiert. Natürlich weiss ich, dass es Leute in Heilberufen überhaupt nicht ausstehen können, wenn sie im privaten Umfeld mit Problemen belästigt werden. Dennoch sah ich in Stephanie die geeignete Person, um meinen Kummer bezüglich des Wegzugs von Dominique einmal von einer professionellen Expertin beurteilen zu lassen. Selbst wenn die Expertin noch ein Laie in Ausbildung ist, schien es mir eine gute Idee, ihr mein Problem einmal ausführlich anzuvertrauen. Ihre erste Reaktion kam für mich wenig überraschend: sie rollte mit ihren süssen blau-grünen Augen und schüttelte mit dem Kopf, wie wenn sie sagen wollte „Unfassbar, hier geht es ja wirklich nur um so eine belanglose Kleinigkeit wie den Wegzug einer Kollegin, die er ein paar Stunden am Tag gesehen hat, und deswegen der ganze Aufstand?!“. Das war ich gewohnt. So reagierten ja schliesslich die meisten, wenn ich ihnen die Geschichte von Dominique und mir erzählte. Klug wie sie ist, überspielte Stephanie diese offensichtliche und menschliche Reaktion jedoch schnell, da sie begriff, dass sich ihr hier gerade die einmalige Chance bot, ihr bis dato erworbenes Fachwissen einmal anzuwenden und auszutesten. Um sie zu schützen, sage ich aber gleich dazu, was sie mir auch vorneweg zu verstehen gab: alles was sie tun und sagen kann ist ihre persönliche und laienhafte Meinung (um die ich sie ja aber gebeten habe), und es gibt bessere, wirklich professionelle Stellen, an die man sich in einer solchen Situation auch wenden kann, um Hilfe zu erhalten. (Die entsprechenden Ansprechpartner in der jeweiligen Stadt findet man ganz leicht im Internet, Anm. d. Red.). Zunächst erklärte sie mir also, wie Trauer funktioniert, dass dies etwas ganz Natürliches ist, und jeder Mensch anders mit so etwas umgeht. Manche ziehen sich zurück, andere schütten jedem ihr Herz aus, wieder andere schreiben einen Blog, ein Gedicht, einen Song oder ein Buch, malen ein Bild, backen einen Kuchen, oder tun alles zusammen. Schon da merkte ich zum ersten Mal, dass mein Verhalten – bei aller Übertreibung – durchaus ok und nachvollziehbar ist und ich nicht der Einzige bin, dem es so geht. Auch wurde mir klar, dass ich in diesem Moment im Begriff war, ganz viel über mich selbst zu erfahren, was sich als sehr spannend herausstellte. Denn Dr. Stephanie interpretierte meine Aussagen weiter und ich war mehr als verblüfft, auf was sie mich alles aufmerksam machte, das ich so noch nie gesehen hatte. Etwa fiel ihr auf, mit welchen Worten und welchen Formulierungen ich über Dominique sprach und dass dies alles sehr besitzergreifend und einengend klingt. Tatsächlich war da etwas dran, weil ich den Weggang Dominiques bis zu diesem Zeitpunkt stets als etwas Böses und mir vom Schicksal aufgezwängtes Leid interpretierte. Stephanie aber wies mich zu Recht darauf hin, dass es hier ja nur bedingt um mich geht und Dominique ja ein Mensch mit freiem Willen ist, der von alleine eine Wahl getroffen hat, um sich zum eigenen Positiven weiterentwickeln zu können. Niemand hat sie mir also weggenommen und ich habe nichts Falsches gemacht, auf Grund dessen sie mich verlassen hat. Es war einfach der natürliche Lauf der Dinge, der zu dieser Veränderung im Leben führte. Dies zu verstehen wäre schon mal ein guter Schritt, auf den ich aber kurioserweise erst von einer aussenstehenden, dritten Person gebracht werden musste. Weiter machte sie mir deutlich, dass ich ein egoistisches, arrogantes, selbstverliebtes Arschloch bin, das immer im Mittelpunkt stehen will. Natürlich benutzte sie dazu aber einen Fachausdruck und nicht diese Formulierung. Sie nannte mir auch ein paar weitere Schlagworte, zu denen ich selbst mal recherchieren sollte, inwieweit sie auf mich zutreffend wären und ob ich mich und mein Verhalten dabei wiedererkennen würde. Und in der Tat fand ich auf diesem Weg durch meine Lektüre anderer Blogs und Foren einiges über mich heraus. Mir ist jetzt klar, dass ich schon seit langer Zeit an Verlustängsten leide und Dominique irgendwie der Auslöser war, der mich mit diesen heftig konfrontierte. Woran das liegt, konnten aber weder Stephanie, die mich mittlerweile auch gut zehn Jahre kennt, noch ich so spontan herausfinden. Auch Stephanie ist übrigens mal zum Studium weggezogen in ein anderes Bundesland, was damals auch blöd für uns beide war, aber es  kommt mir rückblickend bei weitem nicht so tragisch und schmerzhaft vor wie der Verlust von meiner Dominique. Oh, da ist das Wort ja wieder, und der Satz klingt tatsächlich ein kleines bisschen besitzergreifend, findet ihr nicht? Abgesehen davon glaube ich aber, dass mir der Weggang Dominiques trotz allem etwas Gutes gebracht hat, nämlich, dass ich sehr viel über mich selbst gelernt und Neues von mir erfahren habe. Zuvor dachte ich stets, ich sei ein gefühlskalter Mensch, der so abgestumpft ist von der kalten Welt, dass ihm nichts wirklich nahe geht. Dominique hat mir im übertragenen Sinne aber gezeigt, dass dem doch nicht so ist und ich wirklich Emotionen und Gefühle habe, und einer kleinen blonden Arbeitskollegin habe ich es zu verdanken, dass ich das in dieser Form erfahren durfte und mir dieser ganz neuen Seite meiner Person bewusst wurde. Ach ja, die Sitzung fand übrigens nicht wirklich auf einer Couch statt, sondern mit Dr. Stephanie in einer Eisdiele und ich habe natürlich gezahlt! Es fühlte sich nur ein bisschen komisch an, als sie am Ende des Nachmittags in den Bus stieg und zurück in ihren Wohnort gefahren ist. Was mag das bedeuten? Ich werde wohl Dominique mal danach fragen müssen…      

30.9.14 19:56
 
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